Aktuelles

Säckzeichner

Ein Derdinger Maltersack von 1848 wird an den Heimatkreis übergeben.
Ein Derdinger Maltersack von 1848 wird an den Heimatkreis übergeben.

Nur noch selten findet man in ehemaligen Bauern-häusern alte Fruchtsäcke. Sie tragen zumeist einen Namen, eine Jahreszahl und eine Hausmarke oder Zinken. Letztere lassen oft Rückschlüsse auf den Nebenberuf des ehemaligen Besitzers zu. Üblich war auch eine Nummer, die bei der Mühle dann die Ab-rechnung erleichterte. So hat Herr Walter Eißler aus Dürrenbüchig der Gemeinde Oberderdingen über den Heimatkreis einen historischen Getreidesack zukommen lassen, der von Wilhelm Friedrich Marbach stammt. Vererbt wurde er über die weibliche Linie, und landete so in Dürrenbüchig. Er misst 58 auf 156 Zentimeter und fasste einen Scheffel Früchte, das sind 177 Liter Getreide, er ist aus grober Leinwand ge-fertigt und mehrfach geflickt. Schrift und „Weberschiffchen“ waren nicht freihändig aufgemalt, sondern dies erfolgte mit Hilfe von Schablonen, die aus Pappendeckel geschnitten wurden. Auch in einer eher kleinen Landwirtschaft (Selde) brauchte man ja mehrere Säcke, und was repräsentieren sollten diese ja auch. Die Beschriftung nahm ein Spezialist vor, den man in Derdingen „Säckzeichner“ nannte. Üblich war dafür eine Farbe aus Kienruß, Bleiweiß und Leinöl.

Die „Marbach“ sind in Derdingen heute ausgestorben. Wilhelm Friedrich Marbach, 1817 in Lienzingen geboren, war Webermeister. Sein Berufssignet, das Weberschiffchen, ist sogar zweifarbig aufgemalt und steht zwischen der Jahreszahl 1848. Er heiratete 1845 nach Derdingen eine Christine Katharina Kortner, die Tochter des hiesigen Webermeisters Ludwig Friedrich Kortner. Man kann unterstellen, dass Wilhelm Friedrich Marbach drei Jahre nach seiner Heirat sich selbständig machte, das Jahr 1848 war eine auch im württembergischen Derdingen sehr unruhige Zeit. Aus seiner Ehe gingen 11 Kinder hervor, die zweitjüngste Tochter Catharina blieb in Derdingen sie starb 1944 ledig. Zwei Kinder wanderten nach Amerika aus. Der Sohn Johann Friedrich heiratete nach Maulbronn, die Tochter Regine Christina heiratete nach Michelbach. Der „Maltersack“ wurde von Herrn Günther Krauß aus Dürrenbüchig nach Derdingen gebracht und vor der Kulisse der ehemaligen Zehntscheune dem Heimatkreis übergeben.   

(2321)

Zeittypisch

„Der 85-jährige Landwirt Jakob Paulus wie ein Junger auf dem Fahrrad“
„Der 85-jährige Landwirt Jakob Paulus wie ein Junger auf dem Fahrrad“

Heute erlebt das Fahrrad als „klimaneutrales“ Beförder-ungsmittel eine wertschätz-ende Wiederentdeckung. Man diskutiert über Fahrradwege und die für Fahrräder notwendigen Sicherheitsvorkehrungen in den Innenstädten. Viele Räder haben einen zusätz-lichen Elektroantrieb, sind auch sonst oft „ergonomisch“ verbessert. Das Bild zeigt den Sickinger  Jakob Paulus, der 1966 mit seinen 85 Jahren noch von Sickingen nach Bretten radelte, auf der Bundesstraße heute nicht ganz ungefährlich.

Damals gab es deutliche Unterschiede bei den Fahrradgestellen. Herrenräder hatten eine stabilisierende Querstange zwischen der Lenkeraufhängung und dem Sattel, wohingegen diese bei den Damenrädern tiefer gelegt, und parallel zur Rahmenverbindung der Vorderradaufhängung zur Hinterachse verlief, weil Frauen ja Röcke trugen. Ältere Männer, wie auch der Sickinger Landwirt bevorzugten damals die nicht ganz so stabilen Damenräder als Transportmittel, weil sie auf diese besser aufsteigen konnten. Übrigens, Jakob Paulus war ein Tabakbauer, der das in den 50 er und 60 er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur in der Hardt, sondern auch bei uns beliebte „Handels-gewächs“ anbaute. Es brachte bei den üblichen landwirtschaftlichen Kleinbetrieben halbwegs auskömmliche Erträge. Wer heute mit dem Rad von Flehingen nach Bretten fährt hat sicher ein anderes „Outfit“ an wie seinerzeit Jakob Paulus der sich, seinem Ziel in der Stadt ent-sprechend, feiertäglich angezogen hatte.

Auch solch einfache Bilder aus Familienfotoalben können Geschichten aus einer vergangenen Zeit erzählen, von der die meisten der heutigen Fahrradnutzer keine eigene Erinnerung besitzen. Wie schon öfters betont, unser Verein sammelt und sichert solche typischen Belege der Nachkriegszeit. Für Derdingen ist Frau Riedling, für Großvillars Herr Combe und für Flehingen mit Sickingen Herr Kowarsch Ansprechpartner. Wir warten darauf, dass wir bald wieder im alten Bahnhof (ohne Mundschutz!) zusammenkommen dürfen, um die in letzter Zeit eingegangenen Bilder zu zeigen. 

(2221)

Heimatkreis steuerbegünstigt

Der Ortskern von Derdingen vor dem Krieg
Der Ortskern von Derdingen vor dem Krieg

Der Blick vom Oberdörfer Kirchturm ins Zentrum von Vorkriegs-Derdingen zeigt den für einen württem-bergischen Weinort typischen Ortskern. Große Wohnhäuser, zumeist mit verputztem Fachwerk, und nicht ganz so große Scheunen. Der alte Kastenbrunnen vor der Schmiede, dann Baum-wiesen, die bis an den Ortsrand reichen. Die Häuser stehen giebelständig zur Straße, wie oft bei Haufendörfern in leichter Muldenlage. Das Bild zeigt eine dichte Bebauung und wurde, wie man an den Schatten sieht, an einem Vormittag im Frühjahr aufgenommen. Das Dorf war „tot“, die Kinder in der Schule und die Erwachsenen auf dem Feld. Die meisten Straßenszenen, die wir bislang bei uns archivieren durften, zeigen auch Personen. Denn bloß so zum Spaß hatte man früher nicht fotografiert, dafür waren die Filme zu teuer.

Der Heimatkreis ist steuerbegünstigt und von der Gewerbesteuer und Körperschaftsteuer befreit. Alle drei Jahre überprüft das Finanzamt, ob die Voraussetzungen der Steuerbefreiung noch vorliegen. Letzte Woche bekam der Heimatkreis Oberderdingen e.V. den aktuellen Freistellungsbescheid. D.h. wir dürfen also weiterhin für Zuwendungen, die unser Verein erhält, Spendenbescheinigungen ausstellen. Unsere Ortsfamilienalben wären ohne namhafte Spenden nicht zu finanzieren gewesen. Für solche Sonderveröffentlichungen hoffen wir weiter auf steuerbegünstigte Zuwendungen unserer Förderer.   

(2121)

Goldene Hochzeit von Jakob Paulus und Anna geb. Stöckle im Nov. 1955 in Sickingen
Goldene Hochzeit von Jakob Paulus und Anna geb. Stöckle im Nov. 1955 in Sickingen

Eine „Goldene Hochzeit“ ist auch heute ein großes Familienfest, das aber früher seltener gefeiert werden konnte. Die Lebenserwartung der Partner war niederer als heute, und Kriegsverluste spielten auch eine Rolle. In unserem Vereinsarchiv – und damit im Gemein-dearchiv – gibt es einige einschlägige Erinnerungsaufnahmen aus Familienalben. Sie erzählen aus „vergangenen Zeiten“. Der Kirchgang zur Goldenen Hochzeit war selbstver-ständlich. Ja die kirchliche Hochzeitsfeier war der Anknüpfungspunkt für das Jubiläum überhaupt. Die Geschenke waren eher bescheiden, ein Geschenkkorb war üblich, aber die Familie, Kinder, Enkel, Geschwister mit Nichten und Neffen kamen zu diesem Ehrentag. Wer eine „Goldene Hochzeit“ feiern konnte, postierte sich und die Gäste für ein obligatorisches Erinnerungsfoto. Im Vergleich der Aufnahmen miteinander kann man „Kostümstudien“ treiben. Oft tragen die Frauen eine „Brautkrone“. Jedenfalls war ein goldenes Ehejubiläum eine durchaus ernste Angelegenheit. Neben der privaten Feier hatte eine Goldene Hochzeit auf dem Lande auch eine öffentliche Seite. Die Erinnerung an die Einsegnung in der Kirche vor der Gemeinde war allseits im Ort bekannt. 

Der Heimatkreis Oberderdingen sammelt auch solche Bilder, um untergegangenen Zeitgeist zu konservieren. Nicht nur im Vergleich der Erinnerungsfotos untereinander. Sie sind ja nur ein kleiner Bruchteil vergangener Lebenswirklichkeit und damit Teil einer Festtagskultur, die sich gewandelt hat und sich weiterhin wandeln wird. 

(2021)

Familienfeier

Alles fließt…

Brettener Straße 1950
Brettener Straße 1950

Man merkt es beim Vergleich von Straßen-fotos, dass sich das Ortsbild dauernd ändert. Besonders wenn eine große Zeitspanne zwischen dem Damals und dem Heute liegt. So zeigt die Aufnahme der Brettener Straße im Frühjahr vor sieben Jahrzehnten ein Bild, das vom gegenwärtigen Zustand deutlich abweicht. Keine Autos, dafür eine Viehwaage und an Stelle der heutigen Amthofanlagen waren Gemüsegärten. Man merkt dem Foto an, dass seinerzeit andere Dinge als heute wichtig waren. Derdingen war damals in jeder Hinsicht überschaubarer.

Moden gibt es selbstverständlich auch im Städtebau. Sie sind langlebig. Der Trend zur „autogerechten Stadt“ wird zurzeit zurückgebaut, er ist schon seit ein, zwei Jahrzehnten mit den 30km-Zonen und der Straßenmöblierung gebrochen worden. Das Zuwanderungs- und Mietrecht ändern sich gegenwärtig. Auch ihre Anpassung an die Zeitumstände werden Spuren hinterlassen, weil die gebaute Umgebung zumindest in groben Zügen das Spiegelbild der Gesellschaft ist. Insofern ist auch das Ortsbild ein Hinweis auf den inneren Zustand einer Gemeinde. Wie wird das Straßenbild wohl in 70 Jahren aussehen? Es gab, beginnend in der Nachkriegszeit, Umbrüche die stärker und einschneidender waren als alles Vorhergehende. Die Bedürfnisse und Zeitumstände ändern sich dauernd sie werden auch in Zukunft weiter unsere gebaute Umwelt bestimmen.   

(1921)

Sonntag ist’s

Theresa und Amalie Banghard - Sickingen.
Theresa und Amalie Banghard - Sickingen.

Als dieses Foto aufgenommen wurde, galt bei uns noch eine strenge – aber allseits akzeptierte Kleiderordnung. An Sonn- und Feiertragen trug man, und dies nicht nur in Sickingen kein „Alltagsgewand“, schon gar nicht wenn man in die Kirche ging. Man hat sich auch Zeit für ein „Schwätzle“ genommen. Was sollte man sonst auch machen? Zu erzählen gab es immer etwas. Man kann dies heute mit „Dorfklatsch“ abtun – aber diese Kommunikation über einfache Dinge war notwendig. Arbeitswelt und Lebenswelt war das Dorf, es gab keine Spreizung zwischen Wohnort und Arbeitsort.

Man kannte sich auch, und dies schon seit der Schulzeit. Dies hatte, wie alles im Leben, seine Vor- und Nachteile. Man konnte die Familien einordnen, und schwierig war es für alle aus der einmal so definierten Rolle zu schlüpfen. Im Dorf kannte man das Vermögen, die Erbaussichten und den Fleiß des Nachbarn, eben alle seine Vorlieben und Schwächen.

Übrigens: während der Heuet oder Ernte war ein Zusammenstehen nach der Kirche nicht drin, auch kein gemütlicher Abendplausch vor dem Haus. Der Alltag war von der Jahreszeit und den dort zu verrichtenden Arbeiten bestimmt. Auch für diejenigen, die nicht mehr mit aufs Feld fuhren. Man wusste schon von klein auf, was sich gehört, und was nicht. Aber an einem Sonntag im Mai konnte man schon zu Zweit die wärmende Sonne vor dem Haus genießen. Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

Korrektur: Im vorvergangenen Blättle (Ausgabe 16) wurde fälschlich eine Aufnahme von Derdinger Schulkindern ins Jahr 1949 datiert. Das stimmt nicht, das Foto stammt nicht aus dem Jahr 1949, sondern zeigt den Schuljahrgang 1949. Für Hinweise aus der Bevölkerung die zur Korrektur im Archiv führten bedankt sich der Verein.  

(1721)

Der Mai wird kommen!

Zünftige Maiwanderung um 1910, aus einem Derdinger Fotoalbum.
Zünftige Maiwanderung um 1910, aus einem Derdinger Fotoalbum.

Ganz allgemein vermisst man heute die „Maientouren“ schmerzlich, eben das Wandern in Gruppen hinaus in die Natur und zum Abschluss ein Picknick oder ein Wirtshausbesuch. Solches war vor 150 Jahren bei Landbe-wohnern noch nicht üblich. Die Wander-vereine – der Schwäbische Albverein, oder der Schwarzwald-verein – sowohl die badische als auch die württembergische Version wurden in der städtischen Region gegründet. In Stuttgart oder Freiburg, auch Plochingen ist noch zur Stadtregion zu rechnen.

Im Wonnemonat Mai beginnt für jeden sichtbar das Frühjahr, „die Bäume schlagen aus“. Mit dem Erwachen der Natur und dem Kuckucksruf, will man „aus grauer Städte Mauern“ hinaus in die Welt, den Frühling mit all seiner Segensfülle erfahren. Typisch für die Jugendbewegung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, spürte man dann auch auf dem Lande die Zeit des Lenzes und drängte ins Freie. Maientouren gab es von da an auch auf dem Land. Im allge-meinen Trend lag, dass man gemeinsam die Natur genoss.

Viele frühe Aufnahmen von „zünftigen“ Maiwanderungen gibt es nicht. Denn der Fotoapparat wog damals mehrere Pfund, man arrangierte die Aufnahmen, die Szene sollte ja möglichst natürlich erscheinen. Die Belichtungszeit war lang, sogenannte Schnappschüsse gab es nicht. Ganz wenige Aufnahmen dieses Genres landeten in Familienfotoalben, sie zeigen den Zeitgeist um 1910. Eine davon auch in Derdingen, sie gelangte so ins Gemeindearchiv. Die gezeigten Personen sind aber nicht mehr zu identifizieren.    

(1621)

Andere Zeiten

Die früheste Schüleraufnahme der Nachkriegszeit zeigt eine Derdinger Schulklasse aus dem Jahr 1949
Die früheste Schüleraufnahme der Nachkriegszeit zeigt eine Derdinger Schulklasse aus dem Jahr 1949

Der Schulunterricht läuft nicht mehr so, wie es in den letzten Jahrzehnten eingespielt war und als selbstverständlich empfunden wurde. Die Eltern sind unsicher, sie wissen nicht ob es beim Präsenzunterricht bleibt, vielleicht wird der Unterricht auch voll-ständig heruntergefahren. Man hört ja so viel und Unterschiedliches im Radio oder liest Widersprüchliches in der Zeitung, ganz zu schweigen von dem, was die Leute im Dorf alles erzählen. Sicher ist nur: die Lage ist unübersichtlich.

Die Wenigsten unter uns können sich an ähnliches erinnern: Gleich nach dem Krieg, als im Herbst 1945 in Derdingen Paratyphus ausbrach, gab es auch keinen Schulunterricht. Da musste man unter ganz anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hindurch. Insofern gleicht unsere heutige Situation zum Glück nicht der damaligen Lage. Das Derdinger Schulhaus auf dem kleinen Gänsberg war Seuchenlazarett. Im Frühjahr 1946 sollte dieses Gebäude,  nachdem der Paratyphus im Dorf abgeklungen war, als Lungenheilstätte dienen, wogegen sich die Gemeinde vehement wehrte. Seinerzeit diente eine Baracke mit zwei Räumen als provisorisches Schulgebäude, und jede Jahrgangsklasse erhielt nur an zwei Wochentagen Schulunterricht. D.h. bis 1947 waren die schulpflichtigen Buben und Mädchen zumeist sich selbst und ihren Eltern überlassen, weil Schulraum, Unterrichtsmaterial und Lehrer fehlten.

Nach den Sommerferien 1947 „besetzten“ die Kinder mit ihren Lehrern das inzwischen leer-geräumte Seuchenlazarett im Schulhaus auf dem Gänsberg und schufen damit vollendete Tatsachen. So ganz vergleichbar ist die Lage von damals mit dem Heute keinesfalls. Aber: Schüler und Eltern freuten sich seinerzeit, als gut zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wieder „normaler“ Unterricht an der Derdinger Volksschule beginnen konnte.      

(1521)

Mitgliedsbeitrag 2021

In einem Derdinger Fotoalbum befand sich die Aufnahme einer Kavallerie-Abteilung, die sich vor über hundert Jahren in unserer Gegend aufhielt. Sie passt zur Geschichte der Bismarckeiche in den hiesigen Wäldern.
In einem Derdinger Fotoalbum befand sich die Aufnahme einer Kavallerie-Abteilung, die sich vor über hundert Jahren in unserer Gegend aufhielt. Sie passt zur Geschichte der Bismarckeiche in den hiesigen Wäldern.

Unser Verein finanziert die Druckkosten für die Rundbriefe im Wesent-lichen mit dem Jahres-beitrag der Mitglieder und einem Zuschuss des Landes. Nachdem nun das erste Heft für 2021 erschienen ist (Rundbrief 61), werden wir in der zweiten Aprilhälfte den Mitgliedsbeitrag 2021 abbuchen. Er liegt seit der Euroeinführung konstant bei 10 €, wir wollen ihn auch nicht erhöhen.

Die Philosophie unseres Vereins und Richtlinie fürs Wirtschaften lautet: Mit dem vorhandenen „haushalten“. Weshalb wir uns um neue Mitglieder bemühen. Wachstum ist aber in Pandemiezeiten schwierig. Wir können keine Ausstellungen anbieten, die immer Wachstumsimpulse boten. Auch Sponsoren findet man schwerer. Als „Maienwanderung“ würden wir gerne eine Tour zur Derdinger „Bismarckeiche“ organisieren. Wir hoffen, dass noch vor Pfingsten einige Corona-Beschränk-ungen gelockert werden. Im Aufsatz „Politische Bäume“, der im Rundbrief 61 nachlesbar ist, stehen dazu schon ein paar Details. 

(1421)

Systemrelevant

Ein Vereinsausflug war in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Super Sache!
Ein Vereinsausflug war in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Super Sache!

Eigentlich war es vorge-sehen, dass wir am Ostermontag im Aschingerhaus in einer Ausstellung Fotos aus der Zeit zwischen 1950 und 2000 aus Derdingen und Oberderdingen zeigen. Da sind einige Bilder im Archiv die Erinnerungen wecken, Leute zeigen, die heute nicht mehr unter uns sind. Wir mussten dieses Vorhaben aus Infektions-schutzgründen leider aufgeben. Den Umständen geschuldet, werden wir es wohl oder übel auf nächsten Ostermontag ver-schieben.

Auch die Jahreshauptversammlung des Vereins mit dem Rechenschaftsbericht für 2020 steht noch aus. Und was wir 2021 unseren Mitgliedern außer den beiden Rundbriefen bieten können, ist von Fakten abhängig, die außerhalb unseres Einflussbereiches liegen. Es sind Zeiten angebrochen, in denen seltsame Gedanken aufkommen: sollen wir, um mit unseren Mitgliedern im Kontakt zu bleiben, einen dritten Rundbrief in diesem Jahr herausgeben, war in Vereinszirkeln diskutiertes Thema, das aus Kosten- und Arbeitsgründen wieder verworfen wurde. Was bieten wir an der Großvillarser Kirchweih? Kann da eine Ausstellung oder ein Vortrag als Programmpunkt möglich sein? Vollkommen offen ist die Frage, wann wir uns wieder im Flehinger Bahnhof treffen können.

Kleine Vereine sind nicht „systemrelevant“. Aber für ihre Existenz ist Kommunikation „überl-ebensrelevant“. Zum Wesen eines Vereins gehört, dass sich Gleichgesinnte treffen, Leute mit ähnlichen Interessen sich austauschen können. Das Internet bietet uns dafür nur einen dürftigen Ersatz. Schon aus Gründen der Altersstruktur unseres Vereins. Wenn es in der Pandemie so weitergeht, müssen wir uns wohl etwas „Systemrelevantes“ einfallen lassen. 

(1321)

Böse Zeiten überall!

Vor hundert Jahren sah es so im Unterdorf am Lindenplatz aus.
Vor hundert Jahren sah es so im Unterdorf am Lindenplatz aus.

Unter dieser Überschrift schildert der jetzige, den Mitgliedern des Heimat-kreises zugestellte Rund-brief die Zeit vor gut 200 Jahren. Armut und Hungersnot waren in Europa damals allgegen-wärtig. Man litt nicht nur unter den katastrophalen Witterungskapriolen, sondern auch noch an den Nachwirkungen der Napoleonischen Kriege, und dies in ganz Europa. Versucht man sich in diese untergegangene Welt hineinzudenken, tut man sich schwer, man scheitert schon daran sich vorzustellen wie Hunger weh tut.

Auch hundert Jahre später ging es den Leuten bei uns nur ein bisschen besser. Das erfährt man aus dem Artikel „Im Kraichgau vor 100 Jahren“ im gleichen Rundbrief. Wobei in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch der mentale Schock des „Ehrverlustes“ nach dem verlorenen Weltkrieg kam. Im Rückblick und Nachsinnen kommt man nicht an der Erkenntnis vorbei, in welchem Paradies wir heute – trotz Korona- leben.

Natürlich, auch unsere Mitglieder wünschen sich, dass man das, was für 2021 vorgesehen war, auch umsetzen darf. Den Besuch der Landesausstellung in Mainz, oder die Kelten-ausstellung in Konstanz beispielsweise. Solange man Mundschutz im Bus oder Bahn tragen muss, ist dies nichts für unsere doch eher betagten Museumsfans. Auch die Hauptversamm-lung, die immer zu Beginn des Jahres war, ist aus den ähnlichen Gründen weit ins Jahr hinein verschoben, ebenso unsere Zusammenkünfte im Flehinger Bahnhof, die schon seit Monaten ausfielen. Im täglichen Umgang empfinden wir dies auch als eine böse Zeit. Jedoch: alles ist relativ!

Wo wir nicht nachlassen sollten, ist die Sorge um Kulturgut, das verschwindet. Beispielsweise alte Fotos. So kamen kürzlich wieder ein paar Fotos ins Archiv, Einquartierung 1939 in Großvillars oder eine Aufnahme aus dem Unterdorf. Wir sammeln solche privaten Bilder um „Erinnerung aufzubewahren“.

Sollten Sie noch keine Osterüberraschung für Ihre (auswärtige) Verwandtschaft – die Sie nicht besuchen dürfen – haben, schenken Sie ihr einfach ein Jahresabonnement der Rundbriefe. Wir verschicken diese gerne in die Fremde als Gruß aus der Heimat. 

(1221)

Vom nächsten Rundbrief

Das Bild wurde am 2.3.1940 in Flehingen aufgenommen.
Das Bild wurde am 2.3.1940 in Flehingen aufgenommen.

Die Zusage können wir halten: Auf Ostern wer-den wir den Rundbrief 61 unseren Mitgliedern zu-stellen. Auf 72 Seiten ent-hält er Artikel und Bilder zur Volkskunde und Orts-geschichte. Diesmal auch Informationen zu Zaisenhausen, ebenso einen Aufsatz zum Kriegsende in unserer Partnergemeinde Heinfels. Das erste Kinderfest im Nachkriegs-Derdingen ist mit einschlägigen Fotos dokumentiert. Die damaligen Kinder sind heute schon an die 80 Jahre alt. Vielleicht erinnert sich noch jemand, der am damaligen Umzug durch Derdingen dabei war, an dieses Ereignis.

Für unser Archiv sammeln wir weiter Fotoaufnahmen, und jetzt besonders Bilder zum nächsten Rundbrief. Er wird sich in einem Artikel mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs beschäftigen. Für den Frankreichfeldzug war unsere Gegend Aufmarschgebiet. Weshalb wir aus privaten Fotoalben einschlägige „Soldatenbilder“ aus der Zeit vom September 1939 bis Mai 1940 mit Bezug zu Derdingen, Flehingen oder Großvillars suchen. Die hier durchzieh-enden Truppen waren zumeist mit Pferdegespannen und weniger mit Motorfahrzeugen ausgerüstet. Zumindest lassen die bis jetzt vorhandenen Bilder diesen Schluss zu. Von motorisierten hier im fraglichen Zeitraum durchziehenden Einheiten haben wir bislang keine Aufnahmen. Wer einschlägige Soldatenbilder von diesem Ereignis aus 1939/40 besitzt, soll sie doch bitte unserem Verein kurz ausleihen. Ansprechpartner dafür sind: E. Breitinger, H. Kowarsch und O. Combe. Auch den Familienalben passiert nichts, wenn die Bilder dort einge-klebt sein sollten.

Weil die Archive für historische Recherchen geschlossen sind, und man nicht weiß, wann und unter welchen Konditionen sie wieder geöffnet werden, richtet unser Verein zurzeit den Blick auf Themen, die vor Ort bearbeitet werden können. Mal sehen wie es weitergeht. 

(1121)

Äpfel und Birnen

Wahlergebnisse vor einem Jahrhundert
Wahlergebnisse vor einem Jahrhundert

In Wahlen spiegelt sich die Gesellschaft. Ihre Ergebnisse sind Moment-aufnahmen der Lebens-umstände, Wünsche und Stimmungen des Wahl-volkes. Diese Faktoren schwanken bekanntlich. Weshalb die Interpre-tation des Wahlergeb-nisses allemal subjektiv unterschiedlich ausfällt, was auch für den Vergleich der Rahmenbe-dingungen zutrifft. Das Ergebnis einer Landtagswahl wäre heute anders, wenn der badische Rechtsrahmen von 1904 noch gälte. Wählen durften damals die über 25 jährigen männlichen Badener, die schon zwei Jahre im Land wohnten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Wahlalter auf 20 Jahre abgesenkt, und Frauen durften dann auch ihre Stimme abgeben. Heute liegt das Wahlalter bekanntlich bei 18 Jahren. Die Wahlbeteiligung lag bei der badischen Landtagswahl von 1925 bei 54,2%, 1921 lag sie bei 69,1%.  Schon aus diesen Zahlen lassen sich Schlüsse ziehen, man weiß auch, wie stark das Wahlalter sich auf das Ergebnis auswirkt. Wer sich erinnert, welche Partei welches Wahlalter als richtig ansieht, kann die politische Interessenlage dafür einschätzen. Objektive, und allgemeingültige Gründe gibt es wohl für kaum eine Zahl.

Auch in anderer Richtung ist das Wahlrecht ganz wichtig. Gälte allein das Verhältniswahlrecht, wäre der Parteieneinfluss größer als heute. Wenn z.B. wie früher im Reichstag pro 100.000 Stimmen ein Abgeordneter gewählt wäre, kämen die kleinen Parteien besser weg, umgekehrt ist es beim Mehrheitswahlrecht. Da kommt es entscheidend auf den Zuschnitt der Wahlkreise an. Ausblenden darf man in beiden Fällen aber nicht die Persönlichkeit und das Ansehen, die der Kandidat (oder heute die Kandidatin) beim Wahlvolk hat.

Stellt man historische Wahlergebnisse in Tabellenform den heutigen gegenüber, vergleicht man Äpfel mit Birnen. Beides sind Früchte, und mancher mag Birnen lieber als Äpfel. Schon das Herunterrechnen der %- Zahlen auf Lokalebene ist deshalb problematisch. Würde man die württembergischen Wahlergebnisse vor einem Jahrhundert mit den badischen zusammenzählen, käme ein Ergebnis heraus, das sich jeder Interpretation verweigerte.

 

Spalte 1: Landtagswahl 1921 Landesergebnis in ganz Baden

Spalte 2: Landtagswahl 1921 Ergebnis im Bezirk Karlsruhe

Spalte 3: Landtagswahl 1921 Bezirk Bretten (entspricht  nicht dem heutigen Wahlkreis)

Spalte 4: Landtagswahl 1921 Ergebnis Flehingen

Spalte 5: Landtagswahl 1921 Ergebnis Sickingen

Spalte 6: Landtagswahl 1925 Landesergebnis in ganz Baden

 

(1021)

Bilder sind Erinnerungen

Man kannte im Ort die Traubewirtin nur unter ihrem Vornamen „Irene“
Man kannte im Ort die Traubewirtin nur unter ihrem Vornamen „Irene“

Im Nachgang zu Trauerfällen werden oft Dinge weggeworfen, die für eine Dorfgemeinschaft wichtig wären. Manchmal erhalten z.B. auswärtige Erben das Familienalbum, auch in diesem Fall geht die Erinnerung vor Ort verloren. Dies ist der Grund, weshalb der Heimat-kreis sich um alte Fotos aus vergangenen Zeiten bemüht. Bilder machen Stimmungen oder Geschehnisse oft begreif-barer als Worte. Im Vereins-archiv – und damit auch im Gemeindearchiv – sind bei-spielsweise keine Fotoauf-nahmen vom Vereinigungsfest von Großvillars. Es war am Wochenende vom 7. – 9. Juli 1973. Damals ist auch foto-grafiert worden, und sicher gibt es in Großvillarser Fotoalben noch Aufnahmen. An diesen ist der Heimatkreis höchst inter-essiert. Jetzt leben noch Leute, die sich an diese sonnigen Tage erinnern können, oder an den tödlichen Unfall beim Zeltaufbau. Damals besuchte uns eine Delegation aus Villar Perosa, und ganz selbstverständlich gab es im Bewusstsein der Leute noch den „Derdinger und Knittlinger Teil“ von Großvillars. Diese Unterscheidung ist heut verschwunden. Wenn es uns heute nicht gelingt, ein paar Aufnahmen vom damaligen Fest an der Schule zu sichern, wird es in Zukunft noch schwieriger – vielleicht verschwindet sogar die Erinnerung in Bildern vollständig. Besitzen Sie solche Fotos, dann überlassen sie bitte diese Herrn Oscar Combe in Großvillars kurzfristig. Sie erhalten die Originale unbeschädigt zurück, er wird die Aufnahmen für unseren Verein und damit für die Zukunft sichern. In den Waldensertälern sagte man dazu: „Si non tutto va perduto!“

(1021)

Im Märzen der Bauer .. .

„Auch heute würde man sich über einen Ausflug ohne Mundschutz und in enger Freundesrunde freuen“
„Auch heute würde man sich über einen Ausflug ohne Mundschutz und in enger Freundesrunde freuen“

Der Frühling beginnt im März mit der Tag- und Nachtgleiche. Das Wetter richtet sich nicht immer nach dem Kalender, das wissen wir, und damit müssen wir uns auch zufrieden geben. Die Feldarbeiten sind die gleichen wie vor einem halben Jahrhundert, nur die dafür vom Landwirt benutzten Maschinen sind viel größer und leistungs-fähiger geworden. Der Duft der Gülle ist der gleiche, ob er mit dem Mistwagen oder mit dem Fass der Schwemmentmistung auf das Feld gefahren wird. Typische Frühjahrsgerüche! „Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt“ sang man früher in der Schule, und zu Hause musste man den Garten herrichten, die umgegrabenen Beete rechen.

Inzwischen hat der Mensch vom Winter genug! Er freut sich auf wärmende Sonnenstrahlen in einer Gartenwirtschaft. Auch unsere Vereinsmitglieder würden sich gerne wieder zu einem Plausch treffen. Geht aber zurzeit wegen Corona noch nicht. Kontakte kann man in Schriftform – oder über das Internet halten, das ist für alle ein mühseligeres Geschäft wie ehedem. Selbst gemeinsame Wanderungen gehen zurzeit nicht. Trifft der Lockdown nur die Freizeit, ist er erträglich – sagt einem der Verstand. Die Zeit wird kommen, in der wir wieder beisammen sein dürfen, warten wir es ab, wohl erst nach Ostern. Unser Rundbrief 61 ist fertig. Er geht in Kürze zur Druckerei, und wird den Mitgliedern dann auch bis Ostern zugestellt, und alte Fotos sammeln wir weiter. Es hat sich auch in dieser Richtung nicht viel geändert. 

(0921)

Spolien

„Vermutlich ein Überrest des barocken Bauschmuckes aus dem neuen Sickinger Schloss“
„Vermutlich ein Überrest des barocken Bauschmuckes aus dem neuen Sickinger Schloss“

UImweltschutz gab es schon immer. Oft zwangsweise, und immer dann wenn man sparen musste, denn Reparaturen schonen knappe Ressourcen. Schaut man sich etwas im Dorf um, sieht man an manchen Häusern Steine eingemauert, die für diesen Platz wohl ursprünglich nicht gedacht (und gemacht!) waren. Einen Mauerstein aus einer Felswand zu brechen und ihn werkgerecht zuzurichten war aufwändiger, als einen Stein von einem abgängigen Gebäude in Zweitverwendung einzumauern. Ruinen gab es immer, denn Brandfälle kamen nicht nur in Kriegen vor. In solchen Fällen geschah das Recycling oft so, dass die Steine in Nebengebäude vermauert wurden. Man merkt es am Format und der Oberflächenbe-arbeitung, wenn so etwas passierte. „Ziersteine“ gab es, wenn Steine an und für sich anderer Zweckbestimmung in den neuen Mauerverbund integriert wurden. Z.B. eine steinerne Fußstütze eines gusseisernen Ofens. Man sieht so etwas an der Hausfassade in der Östlichen Bahnhofstraße von Sickingen. Der damit abgestützte (Wasseralfinger-) altdeutsche Eisenofen gehörte einem Bauer, denn er zeigt ein Pflugsech auf einer Pflugschar. Ein typisch bäuerliches Symbol.

Aber auch andere behauene Werksteine wurden manchmal „zweitverwendet“. Denn sie hatten ein Format, das leicht handhabbar war. Manchmal erkennt man die Zweitverwendung nicht auf den ersten Blick, besonders dann nicht, wenn der Stein umgedreht, und die nicht mehr passende Schauseite nach innen kam. Betrachtet man die Weinbergmauern am Weg vom Horn Richtung Bernhardweiher zu, erkennt man dort öfters die Zweitverwendung solcher Steine von Abbruchhäusern.

S p o l i e n   nennt man diese werkgerecht hergerichteten, aber nicht mehr in ursprünglicher Stelle befindlichen Fragmente aus älteren Bauten. Sie sind oft aussagekräftige Quellen zur Geschichte einer Siedlung. Ein solcher, für eine „Spolie“ vorgesehener Stein, kann auch „roh“ auf Lager liegen, wie der in einem Sickinger Keller unlängst aufgefundene Rest einer Sandsteineinfassung von einer Türe oder einem Fenster. Man kann sie mit einiger Vorsicht ins 18. Jahrhundert datieren. Wahrscheinlich stammt sie aus einem Anwesen, das früher der Herrschaft gehörte.

(0821)

Es tröpfelt weiter…

„Feldpostkarte 1942“
„Feldpostkarte 1942“

In unser Vereinsarchiv kamen kürzlich Ansichtskarten aus dem Jahr 1942 von Derdingen. Sie sind nicht nur wegen ihrer Bilder auf der Vorderseite, sondern auch wegen ihrem rückseitigen Text interessant. Denn sie belegen, dass Kerns Weinstube seinerzeit ein ab-solutes Trendlokal war. Front-urlauber und auch Zivilisten verkehrten dort. Die Karten von dort wurden sogar als Feldpost verschickt. Als Adresse war neben dem Namen allein die Feldpostnummer angegeben. Die Karten kamen offensichtlich an. Wenn man so will, ist die Feldpostnummer eine Vorläuferin der heutigen Postleitzahl. Der Spruch stimmt, wonach der Krieg der Vater vieler (aber nicht aller!) Dinge sei.

Wegen Korona ist unsere nach außen sichtbare Vereinstätigkeit eingeschränkt. Aber: unser Verein lebt trotzdem. Wir sammeln nach wie vor alte Fotos aus allen Ortsteilen. Zurzeit wird der Rundbrief 61, der auf Ostern erscheinen soll, druckreif gemacht. Dabei stellten wir fest, dass wir nicht viele „ n e u e  alte Bilder“ von Großvillars bzw. Flehingen zur Veröffentlichung haben. Interessiert sind wir auch an Bildern vom „Vereinigungsfest 1973“. Damals wurde doch fleißig fotografiert. Es geht die herzliche Bitte an Alle, die seinerzeit Aufnahmen machten, diese doch zum Einscannen zur Verfügung zu stellen. Die Herren Oscar Combe und Heinrich Kowarsch sind dafür Ansprechpartner. Die Originale gehen selbstverständlich zurück. Unser Verein will an seinem Anspruch festhalten, dass in jedem Rundbrief jeder Ortsteil vertreten ist, wenn nicht mit einem Artikel, so doch mit einem einschlägigen Bild. Nur Bilder die wir haben, können wir auch zeigen. 

(0721)

Aus einem alten Fotoalbum

Winter 1940: Trossgespanne im Amthof.
Winter 1940: Trossgespanne im Amthof.

Soldatenportraits gehören zu den Standardaufnahmen in Familienalben. Genauso Hoch-zeitsbilder. Aber man hat auch fotografiert, „wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren“, sogar bei uns. Überliefert ist die Einquartierung von Wehr-machtsangehörigen in Flehingen im Januar 1940 durch den klassischen Tage-buchroman „Gärten und Straßen“ von Ernst Jünger. Man erfährt aus ihm, dass am

15. Januar 1940 nachmittags Offiziersbesprechung beim Regiment in Bretten war. Auch in Derdingen lag seinerzeit Militär.

Es haben sich Aufnahmen erhalten, die Teile des Trosses mit ihren Pferdegespannen zeigen. Im Amthof war „Parkplatz“ für Fuhrwerke. Die Zeit zwischen dem deutschen Angriff auf Polen und dem Beginn der Kampfhandlungen im Westen im Mai 1940 nannten die Franzosen

„drôle de guerre“. Deutsche Wehrmachtsverbände lagen im Oberrheingebiet in Stellung, zu Kampfhandlungen kommt es damals ein halbes Jahr lang nicht.

„Was für eine Zeit“, fragte sich damals das Volk. Eine Kriegsbegeisterung wie 1914 war nicht zu spüren. Uns fällt es noch schwerer sich in diese Zeitläufe hineinzudenken. Nur vage Hinweise geben uns Bilder in alten Fotoalben. 

(0621)

Lichtmess 2021

Die Lichtmessreiter von 1948 im Unterdorf.
Die Lichtmessreiter von 1948 im Unterdorf.

Dieses Jahr fiel der „Derdinger Nationalfeiertag“ ins Wasser. Es gab kein Kuchenreiten, keinen Lichtmessmarkt, keinen Tanz und „beim Kroh im Unterdorf“ keine bändergeschmückten Steckenpferde der Kinder und auch keinen Schnaps.

Trotzdem stand in jedem Kalender beim 2 ten Februar „LICHTMESS“ und man hörte im Volk den Spruch:

 

 

Lichtmess bei Tag z´Nacht ess, Spinnen vergess!

 

Lichtmess ist ein ganz natürlicher Lostag, denn er liegt in der Mitte zwischen Winter und Früh-lingsanfang. Genau 40 Tage nach Weihnachten beschließt er so den erweiterten Weihnachts-kreis. Früher hat man den Christbaum in der (ungeheizten!) Kirche bis zum 2. Februar stehen gelassen. Auf Lichtmess folgt Fasnet, eben die „Vorfastenzeit“.

Ab Lichtmess werden die Tage um eine Stunde länger. In katholischen Gegenden gab es Lichterprozessionen, und es wurden Kerzen in der Kirche geweiht. Solche „Wetterkerzen“ halfen bei Gewitter, man betete bei ihnen den Rosenkranz. Lichtmess hat kirchlichen Ursprung und geht auf das Lukas-Evangelium zurück, in dem die Darstellung des Herrn als Erstgeburt im Tempel -dem mosaischen Gesetz entsprechend- geschildert wird. Weiter erzählt die Bibel von den Abschiedsworten des greisen Simeon, der in Frieden sterben kann, nach-dem er den Herrn gesehen hat. Martin Luther hat letzteres in dem Sterbelied erklärt:

„Mit Fried und Freud ich fahr dahin in Gottes Willen“. 

An Lichtmess beginnt eine Neue Zeit. So war der Zweite Februar der übliche Tag, an dem die Dienstboten wechselten. Sie erhielten ihren Jahreslohn ausbezahlt. Man beobachtete das Wetter; noch heute kann man den Spruch hören:

 

„Ist´s an Lichtmess hell und rein, wird´s ein langer Winter sein,

wenn es aber stürmt und schneit, ist das Frühjahr nicht mehr weit.“

 

In Bauernkreisen konnte man bei uns hören, dass an Lichtmess nur das „halbe Heu“ verbraucht sein durfte, sollte das Vieh durch den Winter kommen, es sollten auch bis zu diesem Zeitpunkt die Reben geschnitten sein. Das Feldgeschäft fing an.

(0521)

Klimawandel

Die Bahnbrücker Hohl in Sickingen wird im Winter 1953/54 händisch freigeschaufelt.
Die Bahnbrücker Hohl in Sickingen wird im Winter 1953/54 händisch freigeschaufelt.

Sieben Jahrzehnte zurück, also vor zwei Generationen, gab es noch Winter bei uns. In Sickingen war die in einer Hohle verlaufende Straße nach Bahnbrücken oft zugeweht, man musste sie von Hand freischaufeln. Es gab keine leistungsfähigen Schneefräsen im „milden Kraichgau“. Mit dem Schneefall vor anderthalb Wochen – nur fünf cm blieben bei uns knapp einen Tag liegen – wäre man locker fertig geworden. D.h. man hätte den Schnee einfach „auf der Gass“ liegen gelassen, wenn es mehr geschneit hätte, wäre diese eine Freude für Kinder gewesen, sie hätten dann bis ins Dorf hin-ein Schlitten fahren können. Es stimmt, am Klima hat sich etwas geändert, das war aber früher schon so. Man weiß, dass es im Mittelalter wärmer und in der Zeit um den Dreißig-jährigen Krieg bei uns kälter als heute war. Aber wie sich die Temperaturunterschiede und in welchen Durchschnittsgrad- Schritten und in welchen Zeiteinheiten sich änderten, das weiß man nicht. Es gab ja seinerzeit keine Thermometer. Grobe Anhaltspunkte sind die Termine der Weinlese und der Erntebeginn oder Einträge in Gerichtsprotokollen zu Winterfronarbeiten. Man kennt auch die Auslöser eines „Klimawandels in historischer Zeit“ bislang nicht. Aber Folgenabschätzung ist möglich. Im Mittelalter wuchs die Bevölkerung. Eine Ursache war sicher das mildere Klima, das größere Ernten ermöglichte, und bei Klimaverschlechterung trat das Gegenteil ein. Auch soziale Folgen kann man mit aller Vorsicht aus Wetterdaten ableiten, einen  Alleinzusammenhang von Ursache und Wirkung gibt es da wohl nicht, wohl eher eine Tendenzförderung oder Bremsung. Ein weites Thema zum Spekulieren.

Jedenfalls ist es sicher und nachprüfbar, dass es zwei Generationen vor dem Heute strengere und längere Winter gab. Laien könne dies sogar mit Fotoaufnahmen beweisen. Vielleicht haben sich in Familienalben noch andere entsprechende Flehinger Fotos erhalten, oder in Derdingen Fotos mit schlittenfahrenden Kindern in der Friedhofgass oder Hinteren Gass zum Beispiel. Der Heimatkreis wäre dankbar, wenn ihm erlaubt würde, solche Dokumente zu digitalisieren. Ansprechpartner sind Frau Riedling in Oberderdingen oder Herr Kowarsch in Flehingen. Die Originale gehen unbeschädigt an die Eigentümer zurück.    

(0421)

Militärvereinsabzeichen kommt ins Gemeindearchiv

Die Kriegerschleife des Militärvereins Derdingen ist ein Relikt aus „großer Zeit“, die man stolz am Sonntagsanzug trug.
Die Kriegerschleife des Militärvereins Derdingen ist ein Relikt aus „großer Zeit“, die man stolz am Sonntagsanzug trug.

Exakt 150 Jahre sind es her: am 18. Januar 1871 entstand im Spiegelsaal von Versailles das zweite Deutsche Kaiser-reich. Bis in den Ersten Weltkrieg hinein wurde die Reichsgründung mit großem Pomp gefeiert. Preußen war führend, und das Militärische war Staatsraison. In Württemberg und ebenso in Baden entstanden Krieger- und Veteranenvereine, von denen sich Bilder und Fahnen in Oberderdingen, Großvillars und auch in Flehingen erhalten haben.

Stolz hefteten sich ehemalige Soldaten ihre militärische Auszeichnungen, aber auch die Schleife der Militärvereine, am Reichsgründungstag an ihre Festtagsanzüge, wenn sie an diesem Feiertag zur Kirche gingen. Eine solche „Kriegervereinsschleife“ ging, neben anderen Orden, dem Heimatkreis Oberderdingen kürzlich von einem Unbe-kannten zu. Dafür sind wir dankbar, und wir werden die Schleife an das Gemeindearchiv weitergeben. Denn solche Zeichen sind selten geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie „entsorgt“ und die Traditionsvereine von Amts wegen aufgelöst. Von diesen haben sich – leider – keine Protokollbände erhalten. Aufwändig ist es ihre Geschichte zu recherchieren. Hauptquellen sind Zeitungsartikel und aus ihrer Frühzeit gibt es allenfalls Zeitungsanzeigen die Vereins-aktivitäten verraten. Die „Ehrenschleife“ ist eine anschauliche Quelle für einen Derdinger Kriegerverein aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Lang, lang ist es her, und es ist für uns schwierig sich in diese patriotische Zeit hinein zu fühlen. Der Heimatkreis Oberderdingen dankt herzlich dem Spender für die großzügige Überlassung der Kriegerspange.     

(0321)

Lichtmess 2021 ?

„1947 wurde in Derdingen erstmals nach der Zwangspause des Zweiten Weltkriegs wieder Lichtmess gefeiert.“
„1947 wurde in Derdingen erstmals nach der Zwangspause des Zweiten Weltkriegs wieder Lichtmess gefeiert.“

Aus Glinde, einem Ortsteil der Stadt Barby in Sachsen-Anhalt, erreichte uns ein Brief zum Jahreswechsel mit folgendem, lesenswertem Absatz:

„Es war ein Sommer, es war ein anderes Jahr!“ 

Genauso werdet ihr in Oberderdingen den Song in Erinnerung behalten, denn es war das Jahr 2020. Das Jahr hat uns viel abverlangt, besonders schlimm, dass die kommende Lichtmessfeier 2021 in Glinde nicht stattfinden wird. Das gab es bisher noch nie, selbst während der Kriegszeiten wurde Lichtmess gefeiert.

In der Weihnachtszeit konnten wir unseren Bewohnern doch etwas Freude und Hoffnung schenken, denn wir haben einen schönen Weihnachtsbaum in der Mitte des Dorfes zum Strahlen gebracht. In diesem Sinne werden wir auch weiterhin nach vorne schauen und uns auf die Zeit danach freuen. Wir wünschen Euch und uns, dass wir trotz der Pause unsere Lichtmesstradition weiter fortführen und dabei gesund und fröhlich bleiben.

Der Museums- und Heimatverein der Lichtmessgemeinde Glinde e.V. wünscht allen Oberderdinger Lichtmessfreunden und Familien einen guten Start ins Neue Jahr 2021.

Ein schöner Wunsch, den wir gerne an die Oberderdinger Bürgerschaft weitergeben, die ja auch Lichtmess „wieder normal“ feiern möchte.

(0221)

Lockdown

„Geschenktisch -- Weihnachten 1949“
„Geschenktisch -- Weihnachten 1949“

Weihnachten wird auch dieses Jahr gefeiert, wegen Corona ein bisschen anders als sonst. Blickt man 50 und mehr Jahre zurück, so war es seinerzeit auch anders und nicht so üppig wie in den jüngst vergangenen Jahren. Das „Wesentliche“ ist geblieben, wir haben nur das Beiwerk aufgehübscht. Es gab auch früher keine sorgenfreie Zeit. Mit dem Wohlstand ist die Disziplin leider nicht mitgewachsen. Man erlebt eher das Gegenteil. Zurückhaltung ist kein brauchbares Attribut für Selbstverwirklichung. Vielleicht sollten wir es in den kommenden Feiertagen damit einmal probieren. Jedenfalls wird unser Verein bis auf weiteres keine Zusammenkünfte anbieten und auch die sonstigen Aktivitäten zurückfahren. Wir wünschen unseren Mitgliedern besinnliche Feiertage, vielleicht nehmen Sie sich das alte Familienfoto-album aus der Schublade und blättern Sie in ihm. Alte Bilder wecken Erinnerungen, die Bruchstücke zum Begreifen der heutigen Zeit und Ansporn zum Durchhalten sein  können. 

(5120)